Seit Juni 2016 ist Michael Hartmann Managing Director an der SSTH, der Swiss School of Tourism and Hospitality in Passugg. In einem Interview berichtet er über seine ersten Erfahrungen mit der Ausbildungsstätte und informiert über die Ziele, die er mit der Schule erreichen will. von Martin Michel

Herr Hartmann, seit über hundert Tagen führen Sie die Hotelfachschule in Passugg (SSTH). Wie ist Ihr erster Eindruck?

Grundsätzlich denke ich, dass die Position als Managing Director der SSTH hervorragend geeignet ist, um gestalterisch zu wirken. Die Schule hat viel Potenzial, dies haben mir die Eindrücke der ersten 100 Tage bestätigt. Ich komme zwar nicht direkt aus dem Bildungssektor, aber ich kenne die Branche und ihre Inhalte sehr gut. Ich habe langjährige Erfahrung in der weltweiten Hotellerie gesammelt und das Privileg, die letzten zwei Jahre für die Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) am Lausanne Report mitzuarbeiten.

Was ist der Lausanne Report?

Der Lausanne Report ist im Grunde ein Trendkompendium. Wir haben Thesen erarbeitet, wie der Tourismus- und Hotellerie-Markt im Jahr 2030 aussehen könnte. Es handelt sich hierbei nicht um ein akademisches Werk, vielmehr wollten wir die Leute inspirieren und Diskussionen auslösen. Im Report werden viele Themen kontrovers diskutiert, die den Markt künftig besonders beeinflussen werden und seitens der Hotellerie einer Antwort bedürfen.

Wie können solche Antworten aussehen, wo werden Sie die strategischen Hebel ansetzen?

Im Moment überlege ich mir, wie wir unsere Schule mit all den Umgebungsparametern in die Moderne führen können. Als Mitglied der EHL-Gruppe sind wir Teil eines international erfolgreichen Konzerns, der uns – neben dem Kanton Graubünden – im Augenblick auch finanziell unterstützt. Selbstverständlich haben wir festgelegt, bis wann die Schule finanziell autonom sein soll und auch muss. Dazu müssen wir die Studentenzahlen nach oben bringen. Wir werden dies aber immer mit einem hohen Qualitätsbewusstsein tun. Neben der Qualität der Ausbildung ist eben auch ein gesunder Mix an Nationalitäten zwischen Schweizer und internationalen Studenten entscheidend. Unser Fokus auf Asien ist wichtig; wir werden jedoch die Verteilung in der Balance halten, damit die Idee der kulturellen Vielfalt und des Austauschs für alle Studenten den bestmöglichen Effekt hat.

Wo sehen Sie Ihre Position innerhalb der EHL-Gruppe?

Wenn wir jetzt über unsere Mutter EHL sprechen, dann fühlen wir uns von der Positionierung her wie der Mini Cooper bei BMW. Damals, als BMW den Mini Cooper übernommen hat, gab es einen grossen Aufschrei auf dem Markt. Den Kultstatus von Mini sollte ein grosser Konzern wie BMW nicht anfassen. Doch entgegen aller Bedenken hat BMW den Technologietransfer zum Mini geschafft und man sieht ihn nun nicht mehr auf der Autobahn stehen, – er fährt tatsächlich. Wir profitieren bereits sehr von dem Know-how-Transfer zwischen EHL und SSTH. Das ist das eine. Das Zweite ist, dass der Mini ein eigenständiger Brand und ein Lifestyleprodukt innerhalb der BMW-Welt ist. Diese eigene Positionierung, die dieses Auto innehat, wollen wir uns im Vergleich auch innerhalb der EHL sowie international aufbauen. Wir wollen der Global Leader mit einem Boutique-like-Produkt werden. Wir bleiben deshalb, was unsere duale Ausbildung betrifft, bei unseren Leisten, werden jedoch Schwerpunkte für neue Themen setzen. Auch unser Verwaltungsrat hat diese strategische Positionierung in den letzten zwei Aufsichtsratssitzungen begrüsst und bestätigt. Das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, ist spürbar gestiegen.

Graubünden ist ein Tourismus- und Hotellerie-Kanton. Hat die Ausbildung der SSTH einen Bezug zu diesem Wirtschaftsfaktor Graubündens?

Hundertprozentig. Ich habe von Regierungsrat Martin Jäger gelernt, dass 40 Prozent des Bündner Bruttosozialprodukts im weitesten Sinne von der Hotellerie und dem Tourismus direkt und indirekt beeinflusst ist. Wir wollen diesen bestehenden Erfolgsfaktor definitiv mit unserer Positionierung wie auch der Qualität der Ausbildung bewahren und noch verstärken.

Welchen Stellenwert hat das Verpflegungsangebot im Tourismus und der Hotellerie im Allgemeinen?

Das ist eine sehr interessante Frage; wir haben im Lausanne Report erkannt, dass die Leute ihre Urlaubsdestination nicht nur nach bekannten Kriterien der Lokation – wie der Nähe zum Meer oder angebotenen Facilities entscheiden –, sondern zunehmend nach dem Food-Angebot. Hierbei zählen primär Authentizität und Neues. Die am meisten «geposteten» Bilder in Social-Media-Plattformen sind heutzutage «Food-Pictures». Diese neue Zielgruppe, die sogenannten «Foodies», müssen wir in unserer Ausbildung aufgreifen. Wir haben deshalb auch unseren neuen Fokusbereich «Culinary Arts» ins Leben gerufen.

Erfüllt die Ausbildungs-Küche an der SSTH die Kulinarik-Anforderungen, so wie sie heute von der Tourismusindustrie verlangt werden?

Sie sprechen da einen sehr aktuellen Punkt an. Um Gesprochenes wahr werden zu lassen, werden wir im späten Frühjahr 2017 damit beginnen, die Küche komplett umzubauen. Dies vor allem auch unter Berücksichtigung der neuen Trend-Themen. Ein solches ist beispielsweise die Experimentalküche. Darüber hinaus reflektieren wir neue Trends durch erweiterte Umbaupläne wie die Gestaltung unserer Lobby mit einer Life-Style-Tages-Bar; diese wird von Studenten betrieben und hinsichtlich des Angebots von Studenten mitkonzipiert – zum Beispiel von Smoothes bis zu gekochten Cocktails, von schwarzen Burgers bis zu vegetarischen Club-Sandwiches.

Der Erfolg einer Schule misst sich ja auch an den Studentenzahlen. Wie sieht es da bei der SSTH aus, jetzt und in naher Zukunft?

Wir konnten im letzten Jahr 107 neue Studierende in Passugg begrüssen. Das ist, denke ich, eine sehr gute Ausgangsposition. Wir befinden uns im Wachstum und gründen noch dieses Jahr in China und in Indien mit eigenen SSTH-Leuten sogenannte «Sales-Hubs». Wir legen hierbei einen starken Fokus auf die Akquise in der HFe, unserer Höheren Fachschule für Englischsprechende, sowie auf unseren neuen EHL-Bachelor-Ausbildungsgang. Wir werden aber auch vermehrt englische Ausbildungsgänge für die Schweizer Studenten anbieten. Wer heute eine internationale Karriere machen will, muss Business- Englisch beherrschen, auch wenn der Student zum Schluss wieder ins Bündnerland zurückkommt. Wir planen bis 2020 wieder 600 Studenten auf unserem Campus zu haben.

Die kompetenzorientierte Ausbildung, die in der Berufsbildung angestrebt wird, sieht auch in der höheren Berufsbildung Praktika vor. Sind Bündner Hotels bei diesen Praktikumsplätzen wichtig?

Die Bündner Hotels sind extrem wichtig, und Graubünden, als Hochburg der Schweizer Hotellerie und des Tourismus, ist gerade bei ausländischen Studenten ein sehr begehrter Praktikumsort. Aber auch internationale Praktika gehören zu unserem Ausbildungsangebot, wir streben hier eine gesunde Mischung an. Gerade kürzlich hat sich Marriott International unsere Schule angeschaut. Sie sind auf der Suche nach internationalen Studenten, einerseits für Praktika, aber auch als künftiger Arbeitgeber. Der Fokus, der schon sehr bemerkenswert ist, liegt auf jungen Leuten, die sowohl die Praxis wie auch die Theorie beherrschen. Wir denken, dass wir mit unserer praxisorientierten Ausbildung genau diese Fähigkeiten entwickeln. Darum sind wir gerade dabei, mit internationalen Konzernen wie zum Beispiel mit Marriott International solche dedizierten Partnerschaften zu suchen.

Tragen die Dozierenden Ihre Pläne mit?

Ich habe es so eingeführt, dass ich sämtliche Mitarbeitenden und Dozenten alle drei Monate über unsere Pläne und Fortschritte informiere. Erst kürzlich habe ich allen die Strategie und die Ziele erklärt, und ich darf sagen, die Resonanz war sehr positiv. Ein Dozent sagte mir danach: «Ich bin stolz, an dieser Schule unterrichten zu dürfen.» Eine solche Aussage macht mich persönlich sehr stolz.

Wo steht die Hotelfachschule Passugg im Vergleich zur Konkurrenz?

Die SSTH ist in einer einzigartigen Position; erstens bieten wir in unserer Grundbildung den neuen Hoko (Hotel Kommunikationsfachfrau/-mann) als schulischen Ausbildungsgang an. Zweitens sind wir eidgenössisch sowohl für die Höhere Fachschule in Deutsch (HFd) wie auch für die Höhere Fachschule in Englisch (HFe) akkreditiert; das finden Sie sonst nirgends. Zum Dritten sind wir mit dem kommenden HES-SO-zertifizierten Bachelor, den wir unter der Schirmherrschaft unserer Mutter, der EHL Lausanne, durchführen dürfen, ebenfalls konkurrenzlos. Wenn Sie bei uns von der Höheren Fachschule bis zum Bachelor alle Studienprogramme durchlaufen haben, weisen Sie zwei Top-Diplome aus, die in der Branche einen sehr hohen Stellenwert haben und quasi ein «First Class Ticket» für eine internationale Karriere sind. Das Bachelorprogramm beginnt im August 2018.

Martin Michel ist stellvertretender Amtsleiter beim Amt für höhere Bildung Graubünden

Artikel erschienen am 27.10.2016 in der Südostschweiz

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